Der Besuch der alten Dame

Der Besuch der alten Dame

Inhalt:

Nach vielen Jahren kehrt die Milliardärin Claire Zachanassian (geb. Klara Wäscher) zurück in ihre völlig verarmte Heimatstadt Güllen, in der sie ihre Jugend verbracht hat, und wird von den auf finanzielle Unterstützung hoffenden Einwohnern freudestrahlend begrüßt. Als Claire den Bewohnern eine Milliarde verspricht, können sie ihr Glück kaum fassen. Doch die Begeisterung währt nicht lange, denn sie nennt eine Bedingung: Sie fordert Gerechtigkeit – die Güllener sollen ihren Mitbürger Alfred Ill töten, da dieser vor 45 Jahren die damals 17-jährige Klara im Stich gelassen hat, als sie von ihm ein Kind erwartete. Vor Gericht hat Ill die Vaterschaft geleugnet und zwei Zeugen bestochen, woraufhin er den Prozess gewonnen hat. Klara musste Güllen arm und entehrt verlassen, ist zur Prostitution getrieben worden, hat ihr Kind verloren und heiratete schließlich einen Ölquellenbesitzer, wodurch sie an ein riesiges Vermögen gelangt ist.

Zwar lehnen die Güllener dieses Angebot zunächst empört ab, doch beginnen sie allmählich über ihre Verhältnisse zu leben: Sie machen immer mehr Schulden, schaffen sich Sachen an, die sie sich eigentlich überhaupt nicht leisten können, verhalten sich Ill gegenüber merkwürdig und bewaffnen sich. Bis ihnen nichts mehr anderes übrig bleibt, als das Angebot anzunehmen.

Meine Meinung:

Der Besuch der alten Dame“ ist ein regelrechtes Beispiel dafür, wie schnell man die Moral vergessen kann, wenn etwas Verlockenderes – z.B. Geld, der Ausweg aus einer bedauernswerten Situation – geboten wird. Bei all der Tragik, die dieses Werk bietet, findet man dennoch auch den Humor der Komödie, weshalb das Werk zu der Tragikomödie gezählt wird. Das Leid, das Claire angetan worden ist, ist derart schockierend, dass es geradezu Gerechtigkeit verlangt. Doch die Erfüllung der Gerechtigkeit, wie Claire sie offen zur Entscheidung stellt, nämlich ein ganzes Dorf zu einem Mord aufzufordern, ist beinahe so unglaublich, unvorstellbar, dass es dadurch höchst amüsant erscheint – auch im Hinblick darauf, dass sie bereits einen Sarg mitgenommen und alle Vorbereitungen für die Beerdigung getroffen hat. Der Konflikt, der in diesem Werk angesprochen wird, nämlich hin- und hergerissen sein zwischen der Moral und den eigenen Wünschen, regt dazu an, sich selbst diese Frage zu stellen, wie man sich entscheiden würde. Am Ende kommt zwar dann keine unerwartete Wendung, doch der Verlauf an sich ist unterhaltsam und unerwartet. Ebenso begleitet die Geschichte eine bedrückende Stimmung.

Die Charaktere erscheinen allesamt bizarr und unsympathisch. Claire ist wie ein Racheengel, gefühlskalt, größtenteils aus Prothesen wegen eines Unfalls zusammengesetzt, still wartend wie eine Spinne, die genau weiß, dass diese Bürger dem Geld nicht widerstehen können. Mit ihrem unermesslichen Reichtum meint sie, alles bekommen zu können. Sie ist mehrfach verheiratet gewesen und heiratet noch ein paar Mal während der Geschichte, wobei sie allen ihren Gatten und auch ihrem Personal ähnlich klingende Namen verleiht. Dann Ill, ein beschränkter, nur auf seinen Vorteil bedachter Mensch, der sich im Laufe der Geschichte anscheinend verändert und seine Schuld einsieht. Die Bürger Güllens kann man eigentlich alle zur selben Sorte zählen, nämlich geldgierig und engstirnig, falsche Moral vorgaukelnd, indem sie sich einreden, dass die zu begehende Tat nur der Gerechtigkeit willen ist, und nicht, weil ihnen eine Menge Geld versprochen wird.

Der Besuch der alten Dame“ ist wie ein Bühnenstück in Akte und Szenen gegliedert, dementsprechend fällt auch der stilistische Aufbau der Dialoge aus, nämlich dass der Name des Sprechers vor dem Gesagten steht. Der Schreibstil ist kurzweilig.

Fazit:

Alles in allem ist „Der Besuch der alten Dame“ ein nettes und gleichzeitig merkwürdiges Werk, dass Tiefe hat und den Leser zum Nachdenken anregt, und genau deshalb lesenswert ist.

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