Rezension: „Die Maschinen“ von Ann Leckie

  • Handlung
  • Spannung
  • Atmosphäre
  • Schreibstil
  • Idee
5

Information

Titel: Die Maschinen
Autor: Ann Leckie
Verlag: Heyne (Random House Verlagsgruppe)
Erscheinungsdatum: 9. Februar 2015
Seiten: 544
Erzählort: Weltraum, verschiedene Planeten
Erzähldatum: Ferne Zukunft
Erzählperspektive: Ich-Erzähler
Genre: Science-Fiction
Englischer Originaltitel: Ancillary Justice
„Das Maschinen-Universum“-Reihe: 1. Band
ISBN: 978-3-453-31636-2

Inhalt:

Was würde passieren, wenn eine künstliche Intelligenz frei sein will? Kann sie sich über ihre Programmierung hinwegsetzen?

Seit Jahrhunderten erobern die Radch gewaltsam und grausam immer weitere Teile des Universums, um ihr Territorium zu erweitern und andere Kulturen zu „zivilisieren“. Doch dafür brauchen sie die künstlichen Intelligenzen ihrer Raumschiffe und deren Armee aus Hilfseinheiten, welche bedingungslosen Gehorsam leisten. Doch ein Zwischenfall ändert alles.

Breq ist von den Radch erschaffen worden und hat zwanzig Jahre lang nach Rache gesinnt. Äußerlich ist sie zwar eine Frau, doch ihr Körper wird von einer künstlichen Intelligenz gesteuert, welche Jahrhunderte überdauert hat, dafür geschaffen zu erobern und zu töten. Sie hat sich ein scheinbar unmögliches Ziel gesetzt, das sie alleine versucht zu erreichen: Anaander Mianaai, die unbesiegbare Herrscherin der Radch, zu ermorden. Denn erst wenn sie das geschafft hat, kann sie endlich Ruhe finden.

Meine Meinung:

Nach dem Cover zu schließen, hatte ich erst gedacht, dass Breq eine Androidin ist – aber weit gefehlt! Was Ann Leckie sich für „Die Maschinen“, den ersten Band ihrer Science-Fiction-Reihe, ausgedacht hat, ist einfach um Weiten erstaunlicher, als ich gedacht hätte. Denn Breq ist eine Verbundenheit zwischen einer künstlichen künstlichen Intelligenz (KI) und einem Körper – so etwas hatte ich bisher noch nirgendwo gesehen. Das alleine ist eine wahre Einzigartigkeit, wird jedoch durch ihren ungewöhnlichen Schreibstil, der mich wirklich beeindrucken konnte, noch emporgehoben. Ich liebe Bücher, in denen es um künstliche Intelligenzen geht und sich mit Fragen rund um das Thema beschäftigt. „Die Maschinen“ von Ann Leckie ist ein relativ anspruchsvolles, aber auch großartiges, ungewöhnliches und definitiv mitreißendes Buch, welches mich hundertprozentig begeistern konnte!

Die Radch und die KI

„Sie sehen Mord und Vernichtung in einem unvorstellbaren Ausmaß, aber die Radchaai sehen die Ausbreitung von Zivilisation, Gerechtigkeit und Anstand, zum Nutzen des Universums. Tod und Vernichtung sind unvermeidliche Nebenprodukte des guten, absoluten Ziels.“

(S. 100 des eBooks „Die Maschinen“ von Ann Leckie, Heyne Verlag)

Ann Leckie hat in ihrem Science-Fiction „Die Maschinen“ ein Volk namens „Radch“ erschaffen, welches sich das Ziel gesetzt hat, das gesamte Universum Stück für Stück zu erobern, damit ihr Territorium wächst, und somit auch nach ihrem Denken zu zivilisieren. Ihre Annexionen werden grausam und gewaltsam durchgeführt. Widerstand wird z.B. durch Exekutionen, Deportationen und Umerziehung ausgeschaltet. Die übrig gebliebene Bevölkerung wird in die Radch integriert, sodass diese nach einigen Generationen genauso Radchaai sind wie alle anderen auch. Die Radch sind eine technologisch sehr weit fortgeschrittene Gesellschaft. Künstliche Intelligenzen steuern ihre riesigen Raumschiffe, überwachen z.B. jede Handlung, jede Gefühlsschwankung, alles was gesagt wird, zeichnen Daten auf und speichern diese. Die KI sind dazu geschaffen z.B. Stationen und Raumschiffe zu leiten bzw. dafür zu sorgen, dass dort alles funktioniert. Sie werden dazu programmiert, bedingungslosen Gehorsam zu leisten, Annexionen und Exekutionen effizient, präzise und schnell durchzuführen. Doch die KI steuern nicht nur die Raumschiffe, sondern auch Hilfseinheiten. Hilfseinheiten sind Menschen, die keinen freien Willen oder Bewusstsein mehr haben. Die KI übernimmt die komplette Kontrolle über diesen Körper, sodass alle Hilfseinheiten mit der gleichen KI untereinander verlinkt sind. Die KI sieht, hört und fühlt mit jedem Körper – und sie hat die Kontrolle manchmal über bis zu tausend Körpern! Die dafür bestimmten Körper werden bei Annexionen ausgewählt und solange in Suspension eingelagert, bis sie gebraucht werden – also bis eine Hilfseinheit stirbt und ersetzt werden muss. Das Thema und die Umsetzung faszinieren, entsetzen und erschrecken zugleich.

Sprachliche Mittel – absolut außergewöhnlich

Noch etwas ganz Besonderes an diesem Buch ist, dass hier ausschließlich das Femininum, weibliche Sprachformen verwendet worden sind. Bei den Radch gibt es in der Sprache keine geschlechtlichen Unterschiede, sodass sie im Radchaai, ihrer Muttersprache, allem eine weibliche Form bzw. Endung geben, wie z.B. „sie“, „ihr“, „Leutnantin“, „Kapitänin“, „Herrin“ etc. Für mich war es eine interessante und wirklich faszinierende Abwechslung – auch so etwas hatte ich bis jetzt noch nie gesehen. Am Anfang hatte ich dafür allerdings etwas Zeit gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Da die Geschichte komplett aus der Sicht von Breq als Ich-Erzähler erzählt wird, ist es für die Protagonistin, welche das Radchaai gewöhnt ist, nicht immer leicht mit Leuten aus anderen Kulturen zu sprechen, wenn diese zwischen weiblichen und männlichen Personen unterscheiden.

Wie bereits geschrieben: Ann Leckies Idee ist nicht nur genial, sondern perfekt umgesetzt. Ich war überwältigt davon, wie die Autorin es geschafft hat die Gedanken und Gefühle eines Raumschiffes mitsamt seinen hunderten oder tausenden von Hilfseinheiten, die alle gleichzeitig handeln, hören, reden, sehen, fühlen, zu beschreiben. Das hat mich absolut umgehauen!

Haben künstliche Intelligenzen einen eigenen Willen, Gefühle und ein Bewusstsein? Können sie sich über ihre Programmierung hinwegsetzen?

„Im Grunde interessiert es niemanden, was man denkt, solange man tut, was von einem erwartet wird.“

(S. 82 des eBooks „Die Maschinen“ von Ann Leckie, Heyne Verlag)

Die Protagonisten von „Die Maschinen“ sind Breq und Seivarden – beide sind sehr gut gezeichnete Charaktere mit einer dramatischen und zu Herzen gehenden Vergangenheit, Schwächen und Stärken. Ich mochte beide sofort, sie ließen mich durch die gesamte Geschichte hindurch mitfiebern.

Breq ist äußerlich eine Frau, deren Körper von der künstlichen Intelligenz gesteuert wird, welche vor ca. zwanzig Jahren einmal das riesige Raumschiff „Gerechtigkeit der Torren“ gewesen ist. Seit so vielen Jahren sinnt sie nach Rache und hat einen Plan ausgearbeitet, um Anaander Mianaai, die unbesiegbare Herrrin der Radch, zu ermorden. Denn diese hat ihr etwas unglaublich Schmerzvolles angetan, etwas Unverzeihliches und abgrundtief Grausames. Breq ist selbstbeherrscht, denkt strategisch, auch zweckgebunden, ist jedoch nicht ohne Mitgefühl, kühl und doch gefühlvoll, manchmal ist sie unentschlossen, aber dann wieder entschlossen. Sie liebt Musik, wobei ihr ständiges Summen von früheren Liedern sie hin und wieder in Gefahr bringt, dass sie von anderen Leuten als die „Gerechtigkeit der Torren“ erkannt werden könnte – was sie verhindern möchte. Ihr Ziel scheint unmöglich zu realisieren. Sie weiß, dass sie dabei sterben könnte, setzt jedoch alles daran endlich die lang ersehnte Rache zu nehmen. Der Weg führt Breq dabei auf den kalten und dünnbesiedelten Planeten Nilt, wo sie auf Seivarden trifft, der bewusstlos und sterbend im Schnee liegt.

„Es gab sehr vieles, was ich nicht verstand, und in den neunzehn Jahren, seit ich vorgab, ein Mensch zu sein, hatte ich längst nicht so viel gelernt, wie ich erwartet hatte.“

(S. 20 des eBooks „Die Maschinen“ von Ann Leckie, Heyne Verlag)

Seivarden ist vor tausend Jahren Kapitän eines Raumschiffes gewesen, welches bei einem Angriff zerstört worden ist. All die Jahrhunderte lag er in einer Suspensionskapsel, bis man ihn vor Kurzem gefunden hat. Als er aufgewacht ist, hat er sich in einer vollkommen veränderten Welt wiedergefunden: Seine Familie hat den finanziellen und sozialen Status verloren, keiner kennt oder interessiert sich für ihn – auch die Radch hat sich verändert, denn die Radch schließt nun Verträge mit anderen Völkern, anstatt diese zu annektieren, Hilfseinheiten werden durch menschliche Soldaten ersetzt, selbst seine eigene Sprache hat Formen angenommen, die er nicht versteht. Um zu vergessen und nichts mehr zu fühlen, hat er angefangen Drogen zu nehmen. Seivarden wirkt nicht zu durchschauen, denn anfangs ist er ständig unter Drogen gesetzt. ER hat Probleme mit seinen Erinnerungen, ist dauernden extremen Stimmungsschwankungen ausgesetzt (von Apathie bis zum Wutausbruch). Breq hilft ihm, auch wenn sie sich nicht sicher ist, warum, und Seivarden es erst nicht zu schätzen weiß. Aber mit der Zeit macht er Veränderungen durch, womit er immer mehr an Charakter gewinnt.

Zwei Handlungsstränge

Die Geschichte besteht aus zwei Handlungssträngen, die sich immer wieder abwechseln. Eine Handlung spielt in der Vergangenheit, als Breq vor zwanzig Jahren ein Truppentransporter im Orbit des Planeten Shis`urna gewesen ist, gleichzeitig Hilfseinheiten im Raumschiff und auf dem Planeten kontrolliert hat. Die andere Handlung zeigt die Gegenwart, Breqs Bemühungen, ihren Racheplan in die Tat umzusetzen und ihre Interaktion mit Seivarden.

Für mich ein Highlight

„Die Maschinen“ konnte mich vollkommen begeistern! Es ist total spannend, hat eine verstrickte Handlung, Wendungen, die mich umhauen konnten, viele Geheimnisse – unter anderem auch zwischen Breq und Seivarden, was die Handlung auch vorantreibt -, politische Intrigen, Science-Fiction-Themen, die mich schon immer interessiert haben, Szenen und Begebenheiten, die mich entsetzen und mitreißen konnten, und faszinierende Elemente. Der Science-Fiction ist nicht besonders actionreich – aber hier fällt das absolut nicht ins Gewicht. Ich brauche dringend die Fortsetzung!

Fazit:

Faszinierender, schockierender und heftiger Science-Fiction, der so viele einzigartige Elemente bietet, dass das Lesen zu einem großartigen Erlebnis wird und man sich mit einigen interessanten Fragestellungen beschäftigen kann. Sprache, Handlung und Charaktere machen es zu einem Highlight. Hin und wieder recht anspruchsvoll und nicht besonders actionreich – hier liegt der Schwerpunkt definitiv auf einer anderen Ebene. Rasant ist es aber auf jeden Fall. Ich kann das Buch nur weiterempfehlen!

Vielen Dank an den Heyne Verlag (Random House Verlagsgruppe) für das Rezensionsexemplar!

 

Die Rezension ist bei Monerl’s Linkparty im Juli 2019 verlinkt.  #Miteinanderstattgegeneinander

4 Gedanken zu „Rezension: „Die Maschinen“ von Ann Leckie

  1. Liebe Kristin,

    das hört sich echt gut an! Ich finde KI total spannend!
    Allerdings hört das Buch sich auch recht brutal an. Stimmt das?

    Ich habe vor Jaaahre mal ein Buch gelesen, in dem auch nur die weibliche Form genutzt wurde. Da ging es um eine Welt, in der alles anderes herum zu unserer war. So durften die Jungs zB nicht abens alleine raus, weil es zu gefährlich ist. Oder wenn sie in die Pubertät kamen, mussten sie „Hodenhalter“ tragen. :‘) Quasi das Antonym zum BH.
    Ich war damals noch keine 18 und bei dem Buch sind mir so manche Tomaten von den Augen gefallen.

    Ich lese ja gerade „Maschinen wir Ich“.
    Ich hatte mir allerdings mehr über die künstliche Intelligenz erhofft. Bisher spielt der KI eher eine Nebenrolle.

    Oh man, jetzt habe ich es endlich mal geschafft, bei Dir zu kommentieren! Das wollte ich schon so lange.

    Sei lieb gegrüßt
    Petrissa

    1. Liebe Petrissa,

      vielen Dank für deine Nachricht! 🙂
      Es freut mich, dass dich das Thema „KI“ auch interessiert – es ist ein absolut faszinierendes Thema.

      „Die Maschinen“ von Ann Leckie ist in dem Sinne nicht wirklich brutal. Also, es wird jetzt kein Blut verspritzt und es kommen auch keine ekligen „Horror-Szenen“ vor ^^. Viel mehr wird alles recht nüchtern und kühl beschrieben aus der Sicht einer KI. Der in der Vergangenheit spielende Handlungsstrang spielt weit nach der Annexion von Shis`urna, sodass man eigentlich mit den Problemen konfrontiert sind, die vielleicht noch Jahrzehnte nach einer gewaltsamen Annexion stattfinden. Allerdings hat man ständig so ein „mulmiges Gefühl“ bei der Handlung, die in der Vergangenheit spielt – als ob etwas Schreckliches passieren wird. Auf jeden Fall können einige Szenen wirklich Entsetzen hervorrufen – und auch die Beschreibung der Hilfseinheiten fand ich doch relativ schaurig und gelungen.

      Dass ausschließlich das Feminimum in einer Geschichte verwendet worden ist, ist für mich neu gewesen und nicht immer einfach, aber definitiv interessant. Nach einiger Zeit gewöhnt man sich daran. Auch das macht das Buch so einzigartig.

      Ich habe schon einige Male von dem Buch „Maschinen wie Ich“ gehört. Ist es spannend? 🙂
      In „Die Maschinen“ spielt die KI eine absolut Hauptrolle. Es ist kein einfaches Buch und hat auch nicht viel Action – aber es hat so viele besondere Elemente und konnte mich total beeindrucken. Ich lese auch schon die Fortsetzung.

      Viele Grüße
      Kristin

  2. Hey Kristin,
    danke für dieses Highlight in meiner Linkparty Juli! Ich liebe Sci-Fi und bin immer auf der Suche nach so außergewöhnlichen Büchern. Deine Rezi hat mich gefangengenommen! Das Buch ist sofort auf meine Wunschliste gewandert. Insbesondere bin ich auch auf den Schreibstil gespannt. Sowas ist mir bisher noch nicht untergekommen. 🙂

    Magst du in der Rezi noch irgendwo verlinken, dass die Rezi an der Linkparty bei mir teilnimmt? Das würde mich sehr freuen!
    GlG, monerl

    1. Hallo Monerl,

      hab gerade die Verlinkung nachgeholt. 🙂 Für mich ist „Die Maschinen“ von Ann Leckie definitiv ein ganz besonderes Buch – an den Schreibstil muss man sich zwar gewöhnen, aber das dauert nicht lange….und es ist total interessant, wie das hier gemacht worden ist. Es freut mich, dass der Science-Fiction auf deiner Wunschliste gelandet ist!

      Liebe Grüße
      Kristin

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