Rezension: „Gelobtes Land – Gloov“ von Christine Heimannsberg

  • Handlung
  • Atmosphäre
  • Spannung
  • Schreibstil
5

Information

Titel: Gelobtes Land – Gloov
Autor: Christine Heimannsberg
Erscheinungsdatum: 26. Februar 2019
Seiten: 285
Erzählort: Europa
Erzähldatum: Zukunft
Erzählperspektive: Ich-Erzähler und personaler Erzähler
Genre: Science-Fiction
Gelobtes Land – Reihe: 2. Band
ISBN: 9789463860079

Inhalt:

Auf der Suche nach dem gelobten Land finden Lore, ihr Bruder Jame und ihre Freunde Jul und Sim hinter einer Mauer eine neue Welt, die so viel anders ist als die kalte und grausame Welt, in welcher sie aufgewachsen sind. Es ist eine scheinbar perfekt funktionierende und technisch weit entwickelte Gesellschaft, die auf Gleichberechtigung und ökologischer Nachhaltigkeit aufgebaut ist. Jeder erhält hier in für die Flüchtlinge errichteten Camps eine Unterkunft, Kleidung, Nahrung und Bildung; Flüchtlingshelfer und Therapeuten sorgen dafür, dass die Flüchtlinge ihre traumatischen Erinnerungen bewältigen können und bieten viele Möglichkeiten, um sie in die neue Gesellschaft zu integrieren. Nur wenige Monate sollen vergehen, bis die Flüchtlinge der alten Welt in die „wirkliche“ neue Welt gelassen werden. Während es für Lore und Jame das Paradies ist und sie alle Möglichkeiten nutzen, um ein vollwertiges Mitglied zu werden, stehen Jul und Sim allem eher misstrauisch gegenüber.

Doch obwohl sie sich auf dem ersten Blick in einer perfekt funktionierenden, fortschrittlichen und freiheitlichen Gesellschaft zu befinden scheinen, verbirgt sich dahinter eine grausame Wahrheit. Denn das Oberhaupt der neuen Welt propagiert für Gewaltfreiheit, gemeinschaftliches Erziehen der Kinder und Polyamorie, was ohne Rücksicht durchgeführt wird – Kinder werden von ihren Eltern getrennt, Paare dürfen nicht mehr zusammenleben. Was passiert, wenn man gegen die Regeln verstößt, müssen Jame und Sim bald selber erfahren. Um gegen dieses System zu kämpfen, schließt Jul sich dem Widerstand an. Und Lore ist sich bald nicht mehr sicher, auf welcher Seite sie stehen soll.

Meine Meinung:

Auf den zweiten Band der „Gelobtes Land“-Reihe von Christine Heimannsberg habe ich schon aufgrund des heftigen Cliffhangers am Ende des ersten Bandes, welcher viele Fragen aufgeworfen hat, gespannt gewartet. Mit der Fortsetzung, die ich auch sehr gelungen finde, hat die Autorin wieder einmal einen aktuellen, realistischen, sehr interessanten und spannenden Zukunftsroman geschrieben, welcher eine auf den ersten Blick erstrebenswerte Gesellschaftsordnung zeigt, jedoch allmählich immer mehr eine furchtbare Wahrheit offenlegt.

Lore, ihr Bruder Jame, ihre Freunde Jul und Sim haben es endlich in das gelobte Land geschafft, welches von den Neuländern die neue Welt genannt wird. In der alten Welt hatten sie mit Entbehrungen und einem autoritären System zu kämpfen, welches auf Angst und absolute Kontrolle aufgebaut gewesen ist und das Leben bis aufs Äußerste eingeschränkt hat, aber auch mit dem Fehlen der Bildung für alle, dem Fehlen der Technik und der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Doch in der neuen Welt ist alles anders: jeder hat Rechte, jeder wird respektiert. Jeder bekommt eine Unterkunft, genug zu Essen, Kleidung, Bildung, darf entscheiden, wie er sich in der Gemeinschaft einbringen möchte. Die Gesellschaft ist aufgebaut auf Freiheit, Gleichberechtigung, Sauberkeit und ökologischer Nachhaltigkeit, wobei sie technisch auch ziemlich weit entwickelt ist. Sie ernähren sich vegetarisch, nichts wird verschwendet. Es gibt viele Flüchtlinge aus der alten Welt, die in der neuen Welt erst einmal einige Monate in Camps verbringen, damit sie sich an ihre neue Umgebung, andere Verhaltensweisen usw. gewöhnen können, zur Ruhe kommen und neue Gesichtspunkte erhalten, wie sie ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden können. Dabei wird ihnen von Flüchtlingshelfern, Therapeuten und Lehrern geholfen.

Und das alles klingt wirklich zu schön, um wahr zu sein, wie ein Paradies bzw. das Erwachen aus einem ganz schrecklichen Albtraum mit der Erkenntnis, das zum Glück die gesamten schrecklichen Dinge, die man miterlebt hat, vielleicht doch nicht wahr sind und man zuversichtlich wieder in die Zukunft blicken kann. Nach allem, was den Protagonisten im ersten Band widerfahren ist, wünscht man ihnen endlich ein besseres Leben und atmet mit ihnen auf, dass es nun vielleicht soweit ist. Genau das hat Christine Heimannsberg mal wieder so exzellent dargestellt, sodass ich mich mühelos in diese Lage versetzt fühlte.

Doch nicht alles ist so perfekt wie es auf dem ersten Blick in „Gloov“ scheint, denn hier verbirgt sich das Grauen hinter der schönen Fassade und wird nach und nach offengelegt. Ich fand einige Stellen manchmal etwas langatmig, aber die Spannung baut sich dann allmählich weiter auf. Im Nachhinein ist diese neue Welt der alten Welt in gewissen Punkten gar nicht so unähnlich. Denn auch dieses System möchte totale Kontrolle über ihre Bewohner ausüben – diesmal im ganz großen Stil. So muss z.B. jeder ein Armband tragen, welches für jede Gefühlsregung in einer anderen Farbe leuchtet, sodass jeder erkennen kann, ob man traurig, wütend oder glücklich ist, und so der jeweiligen Person „geholfen“ werden kann, bevor diese Gefühlsschwankung zu einer Gefahr wird. Des Weiteren müssen sich die Flüchtlinge stundenlangen und zermürbenden „Beichten“ unterziehen, die dazu dienen, die Trauer und ihre schrecklichen Erinnerungen zu bewältigen, doch eher das Gegenteil auslösen und noch zusätzlich quälen. Darüber hinaus propagiert Jefferson Maklaren, das fanatisch verehrte Oberhaupt der neuen Welt, Gewaltfreiheit, gemeinschaftliches Erziehen der Kinder und Polyamorie. Die Menschen müssen danach leben – was wiederum ja wenig mit Freiheit zu tun hat – und werden bestraft, wenn sie es nicht tun, weshalb sie in ständiger Angst leben und versuchen, so zu tun, als würden sie danach leben wollen. Ein derartiges System hat zwangsläufig einen Widerstand zur Folge.

„Sei der beste Neuling, der du sein kannst. Tu, was immer sie verlangen, und vertraue darauf, dass sie es gut mit euch meinen.“

(S. 131, „Gelobtes Land – Gloov“ von Christine Heimannsberg)

Zudem läuft zwischen den Charakteren auch nicht alles so gut, wie Lore sich das vorgestellt hat. Denn während sie und ihr Bruder Jame versuchen, ein wichtiger Teil der Gemeinschaft zu werden, stehen Jul und Sim dem System eher misstrauisch gegenüber.

In „Gloov“ gibt es – anders als in „Hoop“ – einen Perspektivenwechsel. Wurde im ersten Band noch ausschließlich aus Lores Sicht als Ich-Erzähler erzählt, sodass man ausschließlich ihre Gedanken und Gefühle miterlebte, so kommen im zweiten Band noch Juls Perspektive dazu, aber auch wird erzählt aus der Sicht von Sisdal, welche für den Widerstand tätig ist, und von Kasper. Eigentlich finde ich es besser, wenn in einer Trilogie die Perspektive aus dem ersten Band in den folgenden Bänden genauso fortgesetzt wird. Aber hier fand ich das gut umgesetzt, wobei es die Handlung auch noch mitreißender macht. Vor allem auch, da man so mehrere Blickwinkel auf das System hat und sich so eine bessere Meinung über alles bilden kann. Unter anderem fand ich Kaspers Unentschlossenheit, auf welcher Seite er stehen soll, wirklich sehr nachvollziehbar.

Das Ende ist wieder so, dass ich am liebsten gleich den dritten Band lesen würde.

Fazit:

Auch der zweite Band „Gloov“ der „Gelobtes Land“-Reihe ist ein interessanter und realistischer Zukunftsroman, der diesmal eine scheinbar perfekte Gesellschaft zeigt. Die Charaktere haben darauf gehofft, endlich ein freiheitliches und normales Leben führen zu können, doch geraten sie in einen neuen Albtraum und müssen für ihre Rechte kämpfen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

Vielen Dank an Christine Heimannsberg für das Rezensionsexemplar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.