Rezension: „Das gefälschte Herz“ von Maja Ilisch, (2. Band)

Das gefälschte Herz
  • Handlung
  • Atmosphäre
  • Spannung
  • Schreibstil
4.5

Information

Titel: Das gefälschte Herz
Autor: Maja Ilisch
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 14. März 2020
Seiten: 475
Erzählort: Neraval und Ailadredan
Erzähldatum: gleich nach „Das gefälschte Siegel“
Erzählperspektive:  Personaler Erzähler
Genre: Fantasy
Originaltitel: Das gefälschte Herz
Neraval-Sage: 2. Band
ISBN: 978-3-608-98239-8

Inhalt:

Die vier Reisegefährten Tymur, Kevron, Enidin und Lorcan haben ihr Ziel erreicht. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer: Tymur zerstört vollkommen unerwartet mit einer wahnsinnigen und grausamen Tat jegliche Hoffnung darauf, das Land vor den Dämonen zu retten und stürzt sie alle in eine Katastrophe. Nicht nur, dass ihnen nun die Rückkehr nach Neraval verweht bleibt und sie auf der Flucht in einem mysteriösen und unheilvollen Tal stranden – auch die Situation zwischen ihnen spitzt sich weiter zu. Und noch mehr müssen sie sich fragen: Können sie einander noch vertrauen? Oder besser: Können sie sich selber vertrauen?

Meine Meinung:

Nachdem mich „Das gefälschte Siegel“, der erste Band der Neraval-Sage von Maja Ilisch, herrlich unterhalten konnte und der Cliffhanger ziemlich gemein gewesen ist, konnte ich mich glücklich schätzen, dass der zweite Band bereits erschienen ist und ich somit diesen beinahe im Anschluss an den ersten lesen konnte. Und auch die Fortsetzung „Das gefälschte Herz“ setzt die Story um Tymur und seine drei Reisegefährten im gleichen Stil fort. Doch diesmal wird dem Leser ein noch viel offensichtlicher Einblick in die tiefen Abgründe einiger Charaktere geboten und die Geschichte erlangt einiges an Verzweiflung und wird nun erst recht brenzlig. Und mit einer gelungenen Kombination aus tiefgründigen Charakteren, Schrecknissen, Geheimnissen und einer Portion Heiterkeit wird auch hier wieder ein ganz wunderbares Leseerlebnis geboten.

Vom Dämon besessen – oder vielleicht wahnsinnig?

„Der Hunger hatte gesiegt. In diesem Moment war er stärker als alles – als das Misstrauen, als die Angst vor den Dämonen, vor den Alfeyn, als die Frage, was mit diesem Tal passiert war: Hier war ein gemeinsamer Feind, den sie besiegen konnten, todesmutig und voll Selbstverachtung.“

(S. 277, „Das gefälschte Herz“ von Maja Ilisch, Klett-Cotta Verlag)

Die Handlung setzt direkt nach dem Ende von „Das gefälschte Siegel“ ein. Tymur hat durch den Mord an Ililianè sie alle in eine Katastrophe gestürzt. Nicht nur aufgrund dessen, was die Alfeyn mit ihnen machen könnten, wenn diese davon erfahren, sondern auch, weil Tymur damit ihre einzige Chance gegen die Dämonen aus der Welt geschafft hat. Und ausgerechnet Kevron hat als einziger in dem Moment die Möglichkeit, einen klaren Kopf für sie alle zu behalten – sofern das überhaupt möglich ist. Und sofern die Idee der Verschleierung eines Mordes überhaupt aus einem klaren Kopf entspringen kann. Während die Rückkehr nach Neraval keine Option ist, gelangen sie auf der Flucht in ein mysteriöses Tal, wo es anscheinend kein Leben mehr gibt. Und wo sie sich nun ganz mit Tymur auseinandersetzen können. Dieser schwankt von einer Laune zur nächsten und ist sich selber nicht sicher, ob seine Taten und Gedankengänge von einem Dämon gelenkt werden – oder ob er tatsächlich solch ein Mensch ist. Der Konflikt eskaliert alsbald und bringt eine Menge spannende, bizarre und erstaunliche Momente.

 

Kann der Leser überhaupt noch irgendetwas glauben?

„Und dann frage ich mich, was dir schwerer gefallen ist… […] Sie zu töten – oder sie so lange am Leben zu lassen.“

(S. 224, „Das gefälschte Herz“ von Maja Ilisch, Klett-Cotta Verlag)

 

Im letzten Band war es unmöglich, Tymurs genaue Absichten zu erkennen. Jedem Charakter hat er eine andere Version, was den Grund ihrer Reise ins Nebelreich betrifft, erzählt. Doch bis kurz vor dem Ende konnte ich dennoch glauben, dass es tatsächlich um die Schriftrolle und die Magierin geht. Dann wurde jedoch das wieder zerschlagen – und als Leser steht man so ratlos da wie Tymurs Reisegefährten und kann sich nicht erklären, was dieser wirklich bezweckt….oder ob seine Handlungen vielleicht von einem Dämon ausgeführt werden. In „Das gefälschte Herz“ kommt glücklicherweise auch noch Tymurs Erzählperspektive dazu. Doch zu denken, dass das irgendwie helfen würde, ihn besser zu verstehen und hinter den wahren Grund von alldem zu kommen, dann irrt man sich gewaltig. Das ist genau die Sache, die mich hier einfach total beeindrucken konnte und mir herrlich gefallen hat. Denn, obwohl ich nun eigentlich seine Gedankengänge erfahren habe, ist es immer noch unmöglich gewesen, genau herauszufinden, was seine wirklichen Absichten sind. Man weiß nie genau, ob Tymur nun besessen ist oder nicht, ob er ein kaltblütiger Mörder ist oder vielleicht absolut wahnsinnig – und er selber weiß es auch nicht. Seine Dialoge, Selbstgespräche, Beteuerungen gegenüber seinen Freunden, seine Taten, Dinge, die schiefgegangen sind wieder richtig zu stellen – all das erscheint skurril, amüsant und in Schwebe zwischen Lüge und Wahrhaftigkeit. Hinzu kommt noch, dass auch mit den anderen Charakteren etwas geschieht, was sie alle dazu bringt, nicht mehr dem anderen und sich selbst zu trauen.

Neraval Sage

 

„Manchmal war auch Sterben keine Lösung. Oder Leben. Oder sonst was. Manchmal gab es nichts, was man tun konnte, aber die Welt nahm darauf keine Rücksicht, sie wollte weiter Tage machen und Nächte, und es war ihr egal, dass da ein Mensch war, der einfach nicht mehr existieren wollte.“

(S. 374, „Das gefälschte Herz“ von Maja Ilisch, Klett-Cotta Verlag)

 

Auch in der Fortsetzung liegt der Fokus wieder auf den Charakteren, die sich entsprechend ihrer erlebten Abenteuer weiterentwickelt, nicht an Intensität verloren haben und mit ihren jeweiligen Eigenschaften hervorstechen. Während Lorcan seine Augen nicht mehr vor der schrecklichen Wirklichkeit verschließen kann, Enidin ein albtraumhaftes Geheimnis aufdeckt und Kevron wie eh und je eine amüsante und verzweifelte Figur abgibt, lernt man von Tymur, der immer unberechenbarer wird, so richtig seine Schattenseiten kennen.

Unerwartete Wendungen, die gewohnte Heiterkeit kombiniert mit einem verzweifelten Lauf der Geschichte, mehr Fragen als Antworten und tausend Andeutungen, ohne die Chance, einer Lösung näherzukommen. Und nichts ist wirklich so, wie es auf dem ersten Blick erscheint. Mir hat die Story wieder Spaß gemacht zu lesen. Da am Ende wieder ein heftiger Cliffhanger ist, wird das Warten auf den 3. Band ziemlich schwer werden.

Fazit:

In der Fortsetzung geht es im gleichen Stil weiter wie im ersten Band. Es wird in die Irre geführt, tausend Andeutungen gemacht, ohne jemals ans Ziel zu gelangen. Und das auf seine so geschickte und spannende Weise, dass „Das gefälschte Herz“ zu einem herrlichen und erstaunlichen Leseerlebnis wird! Ich freue mich schon auf den dritten Band.

Vielen Dank an den Klett-Cotta Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Weitere Rezensionen bei:

Das Bambusblatt

 

Chronologische Reihenfolge der Neraval-Sage:

  1.  Das gefälschte Siegel (1. Band)
  2.  Das gefälschte Herz (2. Band)
  3.  ??? (3. Band)

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